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Projekt Ältere Menschen – Einsatz mit Herz

Seit drei Jahren engagiere ich mich freiwillig und habe in dieser Zeit Paul, meinen alten Freund im Altersheim besucht. Diese schöne Aufgabe braucht Geduld, Verständnis und grosses Einfühlungsvermögen.


Ältere Menschen sind heutzutage nicht nur länger gesund als die Generationen vor uns, sie bleiben auch im 'Ruhestand' aktiv und manche beteiligen sich engagiert in Familie und Gesellschaft. Manch ein Schaukelstuhl verschwindet deshalb unbenutzt in der Rumpelkammer! Gewisse Schaukelstühle aber sind den ganzen Tag von ein- und derselben Person besetzt; wie zum Beispiel derjenige von Paul. Paul, den ich in den letzten Jahren regelmässig besucht habe, wurde 98 Jahre alt. Immer wieder habe ich ihn in seinem kleinen Appartement angetroffen, an seinem Tisch sitzend. Mal hat er Kreuzworträtsel gelöst, mal gemalt, mal schaute er einfach in Gedanken versunken aus dem Fenster hinaus in den botanischen Garten. Am liebsten mochte er graues Wetter und er liebte Schnee! Darüber konnten wir uns ewig unterhalten. Leider konnten wir aber nie vor die Türe gehen, um eine Runde zu spazieren; das wäre zu anstrengend gewesen für ihn. Wie gerne wäre ich mit ihm im Regen durch den botanischen Garten spaziert!


Die Besuche bei Paul haben mir viel gegeben; sehr viel. Menschlichen Mehrwert. Ich denke, dass wir als Bürger einen Beitrag zu leisten haben, indem wir uns um unsere Vorfahren, die die Welt mitgestaltet haben, kümmern. Wobei dabei natürlich auch nicht zu vergessen ist, dass wir alle eines Tages alt sein werden und uns über jeden Besuch freuen werden. Die Kontakte mit Paul erlebte ich mit grosser Freude. Wir haben zusammen gejasst und oft über seine unglaublich schönen Bilder gesprochen, die mich tief beeindruckt haben. Er hat mir vieles und immer wieder von seinem Leben erzählt, Tipps mit auf den Weg gegeben. Manchmal konnte ich mit ihm über Sachen sprechen, die ich sonst mit niemandem teile. Ich habe durch ihn eine Wirklichkeit erlebt, die mir ohne ihn fremd geblieben wäre. Wenn ich meinen Freunden davon erzähle, staunen sie über diese eindrücklichen Erlebnisse. Wenn ich auf Reisen war, so habe ich Paul immer eine Postkarte geschickt, und wenn ich wieder sein Zimmer betrat, so freute ich mich riesig, wenn ich die Postkarte an der Wand hängen sah. Auch Paul empfand Glück dabei, weil jemand an ihn gedacht hatte. Es ist ein Geben und ein Nehmen.


Ich wusste von Anfang an, dass die Besuche bei Paul eines Tages enden werden. Es war schmerzhaft Abschied zu nehmen, aber ich weiss, dass ich ihm bis zu Letzt zur Seite gestanden bin. Niemand ist auf das vorbereitet, aber mich hat es gelehrt, dass auch dieses Kapitel zum Leben gehört. Diese Besuche sind so wertvoll; es ist eine kostenlose Lebensschule.


Wenn ich Paul lächeln sah und er partout nicht mehr zu reden aufhören wollte, dann wusste ich, dass sich mein Besuch gelohnt hat. Wir haben über Gott und die Welt gesprochen. Jedes Mal, wenn ich nach Hause ging, war ich von Glück erfüllt – es fühlt sich an, als ob meine Seele und Liebe grösser wurden. Ich wusste, dass ich für ihn Gutes tue. Und dann kam dieser Bumerang zu mir zurück und erfüllte mich immer mehr und mehr mit Glück. Ja, ich bleibe Paul im Herzen und in Gedanken verbunden. Und ich werde mir einen neuen alten Freund oder eine neue alte Freundin suchen, damit wir das Glück teilen können.


Geschrieben von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin des Projekts Ältere Menschen.


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